… die Einsicht:
Sie kommt nach der Torheit und der Reue.
Sie gleicht dem Halm,
der sich im Winde wiegt,
und, weil er, wo er schwach ist, nachgibt,
steht.

Bert Hellinger aus: Die große Seele



Die große Seele

Bert Hellinger aus „Die Mitte fühlt sich leicht an“ (Kösel Verlag, 1996)

Das Gewissen kennen wir, so wie ein Pferd die Reiter, die es reiten kennt,
und wie ein Steuermann die Sterne, an denen er den Standort misst und Richtung nimmt.
Doch ach! Es reiten leider viele Reiter auf dem Pferd, und auf dem Schiff richten viele
Steuerleute sich nach vielen Sternen.

Die Frage ist, wem fügen sich vielleicht die Reiter, und welche Richtung weist dem Schiff
der Kapitän.

Die Antwort

Ein Jünger wandte sich an einen Meister: „Sage mir, was Freiheit ist!“

„Welche Freiheit“ fragte ihn der Meister.

„Die erste Freiheit ist die Torheit. Sie gleicht dem Ross, das seinen Reiter wiehernd abwirft.
Doch umso fester spürt es nachher seinen Griff.

Die zweite Freiheit ist die Reue. Sie gleicht dem Steuermann, der nach dem Schiffbruch auf
dem Wrack zurückbleibt, statt dass er in die Rettungsboote steigt.

Die dritte Freiheit ist die Einsicht. Sie kommt nach der Torheit und der Reue. Sie gleicht
dem Halm der sich im Winde wiegt, und weil er, wo er schwach ist, nachgibt, steht.“

Der Jünger fragte: „Ist das alles?“

Darauf der Meister:

„Manche meinen, sie selber suchten nach der Wahrheit ihrer Seele.

Doch die große Seele denkt und sucht durch sie. Wie die Natur kann sie sich sehr viel Irrtum leisten, denn falsche Spieler ersetzt sie laufend mühelos durch neue.

Dem aber, der sie denken lässt, gewährt sie manchmal etwas Spielraum,
und wie ein Fluss den Schwimmer, der sich treiben lässt,
trägt sie ihn mit vereinter Kraft ans Ufer“.